Du möchtest,
dass ich schon früh in den Kindergarten gehe, denn schließlich muss ich mich so
schnell wie möglich in der Welt zurecht finden. Und ich soll mich bloß nicht zu
sehr an meine Eltern binden, denn leben, das muss ich alleine schaffen!
Du möchtest,
dass ich mich schon von klein auf an nach den Regeln meines Geschlechtes
verhalte. Also liebe Emma, spiele bloß nicht mit Autos. Das gehört sich nicht
für ein Mädchen.
Du möchtest,
dass ich klug bin. Am besten kann ich schon lesen, bevor ich überhaupt in den
Kindergarten komme. Und rechnen. Und schreiben. Naja, und alles andere auch. Denn
Du möchtest, dass ich lerne. Und lerne. Und lerne. Und die Beste werde, die ich
sein kann.
Du möchtest,
dass ich in der Schule brav bin. Dass ich in der ersten Reihe sitze und mir
Wissen aneigne. Dass ich Klassenbeste bin von Klasse eins an, denn schließlich
ist das Abitur in Sicht. Aber halt, ja, Du möchtest natürlich auch, dass ich
zumindest eine ansatzweise soziale Persönlichkeit werde, das heißt, Freunde
darf ich auch haben. Aber nicht das Lernen vergessen.
Du möchtest,
dass ich nach dem Abitur – dessen Schnitt auf keinen Fall unter 2 liegen darf
(und sein wir mal ehrlich, 2 ist schon ganz schön schlecht!) – ganz genau weiß,
was ich machen will und mich zügig darum kümmere, diesem Plan nach zu gehen. Dabei
schadet es nicht, ein bisschen aufs Gaspedal zu drücken, denn schließlich ist
man mit Anfang zwanzig ja schon fast tot. Deshalb habe ich ja auch mehrere
Klassen zu überspringen und meine Ausbildung – igitt, habe ich gerade
Ausbildung gesagt??? Ich meine STUDIUM!!! Also bitte, alles andere ist unter
meinem Niveau! – in Rekordzeit abzuschließen!
Du möchtest,
dass ich danach SOFORT den perfekten Arbeitsplatz finde. Denn den werde ich
finden, schließlich habe ich alles dafür gegeben, jetzt hier zu stehen!
Du möchtest,
dass ich immer im Kampf mit mir selbst stehe. Mit dem Ich in zehn Jahren. Da
habe ich hin zu wollen. Danach habe ich zu streben, denn immerhin hat das
"In-zehn-Jahren-ich" schon deutlich mehr erreicht als das Ich im
Jetzt.
Du möchtest,
dass ich hart arbeite, dass ich in meine Rentenkasse einzahle und jedes Jahr
brav meine Steuererklärung mache, denn das kann ich natürlich auch. Schließlich
habe ich alles zu können.
Du möchtest,
dass ich schön bin. Also…. so aussehe, wie Du mich haben möchtest. Ich habe
deinem Schönheitsideal zu entsprechen und habe danach zu streben, für immer so
auszusehen. Achso, wenn mal eine OP nötig ist, ist das ok, Hauptsache ich sehe
schön aus.
Du möchtest,
dass ich einen Partner fürs Leben finde. Aber auch nur, wenn er zu mir passt. Von
gleichgeschlechtlicher Liebe hältst Du nicht viel, aber Du kennst es auch
nicht. Es gehört sich eben nicht, und das reicht Dir als Argument. Daran habe
ich mich zu halten. Wo kämen wir hin, wenn ich selbst entscheiden würde, wen
ich lieben darf.
Du möchtest
deshalb erst recht nicht, dass ich mein "Geschlecht ändere". Warum
sollte ich mich fremd in meinem Körper fühlen, schließlich wurde er mir so
gegeben und ich habe mich daran zu halten, diesem Körper und diesem Geschlecht
nach zu leben. Und wenn ich darüber unglücklich bin, dann ist das mein Pech. Ich
sollte nur möglichst schnell darüber hinweg kommen, denn schließlich muss ich
schnellstens weiter an meinem Lebensweg feilen, der nächste 5-Jahres-Plan steht
an.
Du möchtest,
dass ich glücklich bin. Aber Du definierst, was mich glücklich zu machen hat. Du
solltest Dich fragen, ob das so richtig ist….
Nachtrag: Wer es nicht herauslesen konnte:
dies ist ein offener Brief an die Gesellschaft. Und, liebe Gesellschaft: es tut
mir kein bisschen leid, dass ich viele dieser oben aufgezählten Punkte nicht
erreicht habe bzw befolge. Ich ziehe es vor, glücklich zu sein, und dieses
Glück definiere ICH! Denn ich bin mein Mittelpunkt. Meine sozialen Kreise sind
mein Mittelpunkt. Ich möchte so leben können wie ich leben will und wünsche
meinen Freunden und allen anderen, dass sie auch so leben können wie sie
wollen. Ohne Ausnahme. Ohne Schubladen. Ohne Vorurteile. Man, wäre das eine
schöne Welt, oder Emma?