Mittwoch, 25. Mai 2016

Was Du immer so alles möchtest…

Du möchtest, dass ich schon früh in den Kindergarten gehe, denn schließlich muss ich mich so schnell wie möglich in der Welt zurecht finden. Und ich soll mich bloß nicht zu sehr an meine Eltern binden, denn leben, das muss ich alleine schaffen!

Du möchtest, dass ich mich schon von klein auf an nach den Regeln meines Geschlechtes verhalte. Also liebe Emma, spiele bloß nicht mit Autos. Das gehört sich nicht für ein Mädchen.

Du möchtest, dass ich klug bin. Am besten kann ich schon lesen, bevor ich überhaupt in den Kindergarten komme. Und rechnen. Und schreiben. Naja, und alles andere auch. Denn Du möchtest, dass ich lerne. Und lerne. Und lerne. Und die Beste werde, die ich sein kann.

Du möchtest, dass ich in der Schule brav bin. Dass ich in der ersten Reihe sitze und mir Wissen aneigne. Dass ich Klassenbeste bin von Klasse eins an, denn schließlich ist das Abitur in Sicht. Aber halt, ja, Du möchtest natürlich auch, dass ich zumindest eine ansatzweise soziale Persönlichkeit werde, das heißt, Freunde darf ich auch haben. Aber nicht das Lernen vergessen.

Du möchtest, dass ich nach dem Abitur – dessen Schnitt auf keinen Fall unter 2 liegen darf (und sein wir mal ehrlich, 2 ist schon ganz schön schlecht!) – ganz genau weiß, was ich machen will und mich zügig darum kümmere, diesem Plan nach zu gehen. Dabei schadet es nicht, ein bisschen aufs Gaspedal zu drücken, denn schließlich ist man mit Anfang zwanzig ja schon fast tot. Deshalb habe ich ja auch mehrere Klassen zu überspringen und meine Ausbildung – igitt, habe ich gerade Ausbildung gesagt??? Ich meine STUDIUM!!! Also bitte, alles andere ist unter meinem Niveau! – in Rekordzeit abzuschließen!

Du möchtest, dass ich danach SOFORT den perfekten Arbeitsplatz finde. Denn den werde ich finden, schließlich habe ich alles dafür gegeben, jetzt hier zu stehen!

Du möchtest, dass ich immer im Kampf mit mir selbst stehe. Mit dem Ich in zehn Jahren. Da habe ich hin zu wollen. Danach habe ich zu streben, denn immerhin hat das "In-zehn-Jahren-ich" schon deutlich mehr erreicht als das Ich im Jetzt.

Du möchtest, dass ich hart arbeite, dass ich in meine Rentenkasse einzahle und jedes Jahr brav meine Steuererklärung mache, denn das kann ich natürlich auch. Schließlich habe ich alles zu können.
Du möchtest, dass ich schön bin. Also…. so aussehe, wie Du mich haben möchtest. Ich habe deinem Schönheitsideal zu entsprechen und habe danach zu streben, für immer so auszusehen. Achso, wenn mal eine OP nötig ist, ist das ok, Hauptsache ich sehe schön aus.

Du möchtest, dass ich einen Partner fürs Leben finde. Aber auch nur, wenn er zu mir passt. Von gleichgeschlechtlicher Liebe hältst Du nicht viel, aber Du kennst es auch nicht. Es gehört sich eben nicht, und das reicht Dir als Argument. Daran habe ich mich zu halten. Wo kämen wir hin, wenn ich selbst entscheiden würde, wen ich lieben darf.

Du möchtest deshalb erst recht nicht, dass ich mein "Geschlecht ändere". Warum sollte ich mich fremd in meinem Körper fühlen, schließlich wurde er mir so gegeben und ich habe mich daran zu halten, diesem Körper und diesem Geschlecht nach zu leben. Und wenn ich darüber unglücklich bin, dann ist das mein Pech. Ich sollte nur möglichst schnell darüber hinweg kommen, denn schließlich muss ich schnellstens weiter an meinem Lebensweg feilen, der nächste 5-Jahres-Plan steht an.

Du möchtest, dass ich glücklich bin. Aber Du definierst, was mich glücklich zu machen hat. Du solltest Dich fragen, ob das so richtig ist….




Nachtrag: Wer es nicht herauslesen konnte: dies ist ein offener Brief an die Gesellschaft. Und, liebe Gesellschaft: es tut mir kein bisschen leid, dass ich viele dieser oben aufgezählten Punkte nicht erreicht habe bzw befolge. Ich ziehe es vor, glücklich zu sein, und dieses Glück definiere ICH! Denn ich bin mein Mittelpunkt. Meine sozialen Kreise sind mein Mittelpunkt. Ich möchte so leben können wie ich leben will und wünsche meinen Freunden und allen anderen, dass sie auch so leben können wie sie wollen. Ohne Ausnahme. Ohne Schubladen. Ohne Vorurteile. Man, wäre das eine schöne Welt, oder Emma?

Freitag, 20. Mai 2016

"Man sieht sich immer zwei Mal im Leben!"

Dieser Spruch gehört wohl zu der Sorte, die ihre besten Zeiten schon hinter sich haben. Oder eben zu einen der schlechteren Anmachsprüche. So oder so, es ist eine Floskel.

Oder steckt da mehr hinter?


Es dürfte keinen, der mich näher kennt, verwundern, dass ich bisweilen einen Hang zum Aberglauben habe. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Träume grundsätzlich was zu bedeuten haben. Ich erwische mich dabei wie ich, wenn ich eine schwarze Katze sehe, darauf achte, ob sie von links nach rechts oder von rechts nach links gelaufen ist. Ich glaube an Zufälle, an Schicksal, an Ungewöhnliches.

Du gehörst dazu. Wie groß dieser Hang zum Aberglaube tatsächlich ist, merke ich an Dir. Weil ich da an etwas glaube, an etwas festhalte, was nicht real ist. Gut, für mich ist es so was wie real.
Ich stelle mir mein Gehirn manchmal wie ein Hauptkontrollzentrum vor (ist es ja auch), in der es verschiedene "Akteure" gibt, die ab und an das Steuer übernehmen. Ratio, Emotia und das Chaos.
In Deinem Fall hat wohl oder übel Emotia die Kontrolle übernommen. Emotia neigt zu Übertreibungen, zu Überreaktionen, zu Vieldeuterei und Träumerei. Emotia hat oft die Kontrolle über das Steuer. Sie liebt es, zu schwelgen, zu träumen, in andere Sphären zu schweben und mich komplett von der Realität weg zu holen. Manchmal bin ich ihr unendlich dankbar dafür.
Bei Dir greift der Spruch "Man sieht sich immer zwei Mal im Leben". Er passt und er stimmt. Ich habe Dich im Laufe der letzten Jahre immer mal wieder gesehen. Und jedes Mal war dieses Gefühl da, dass ich dich kenne. Jedes Mal war da dieses Interesse, Dich näher kennen lernen zu wollen. Du hattest und hast scheinbar etwas an dir, was mich magisch anzieht – aber auf einer ganz anderen Ebene als die offensichtlich visuelle Ebene. Ist es dann verwunderlich, dass ich bei all den Zufällen, die Dich und mich immer mal wieder kurz zusammen gebracht haben – aber nie nah genug um es laut sagen zu können – , so stark an Schicksal glaube? Emotia, jedenfalls, ist sehr überzeugt davon, und jeder, der mal mit ihr zu tun hatte, wird es kennen. Sie hat das Steuer übernommen und schleust Dich in meine Tagträume. Sie ruft Dich in meine Erinnerung wann immer es geht. Und es funktioniert. Selbst die richtigen Träume, die weder sie noch Ratio steuern können, haben Dich zu einem Akteur werden lassen.
Spielt man dieses witzige Spiel mal weiter, stelle ich mir grad vor wie Ratio hilflos neben der nach Schmetterlingen hüpfenden Emotia sitzt und immer wieder sagt, sie solle Dich aus meinen Träumen verbannen.
Denn ja, es ist nicht rational. Es ist noch nicht einmal wirklich echt. Auf welcher Ebene befinden wir uns? Und werde ich dadurch nicht blind für das, was echt sein kann?
Aber – Emotia und ich lieben aber – ich will Dich noch nicht verbannen. Ich kann Dich noch nicht verbannen. So lange nicht, wie es auf der Ebene läuft auf der es gerade stattfindet. Sollten Du und ich noch einmal in der Realität aufeinander treffen – und dank meines starken Aberglaubens gehe ich davon aus – kann sich das Blatt ganz schnell wenden.


Solange werde ich aber genießen. Ich werde träumen, schwelgen und nach Schmetterlingen springen. Solange werde ich Emotia voller Zuversicht und Dankbarkeit das Steuer überlassen. Bei all' dem Ärger und Missmut, dem man sich immer mal wieder stellen muss, ist es doch gut zu wissen, dass es etwas oder jemanden gibt, der einen für eine kurze Zeit in eine andere Welt locken kann. Dafür bin ich ihr dankbar. Und Dir.