Mittwoch, 24. Februar 2016

Eigentlich müsste ...

Ich habe kürzlich in dem Blog eines lieben Freundes (http://doctorhilarius.blogspot.de/ - sehr empfehlenswert) sehr interessante Aspekte zum Thema glücklich sein und zum Thema "eigentlich müsste ich…" gelesen und habe mir mal meine eigenen Gedanken dazu gemacht.

Ich beobachte, nicht nur an mir sondern auch an vielen Menschen in meinem Umfeld, dass viele Sätze mit "Eigentlich", oder schlimmer "eigentlich müsste ich", begonnen werden. Dieses Wort oder diese Wortkette stellen sofort klar, dass etwas nicht läuft. Nicht so läuft, wie man es gerne hätte.

Eigentlich müsste ich viel mehr Bewerbungen schreiben.
Heißt, ich bewerbe mich, in meinen Augen, nicht genug. Aber sind das wirklich "meine Augen" oder nicht vielleicht die Augen unsichtbarer Nebenakteure, von denen ich mir einbilde, dass sie mich den ganzen Tag beobachten, mich bewerten und beurteilen? Diese Nebenakteure sind die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die erwartet, dass ich am besten schon im Kindergarten weiß, was ich werden will. Und zwar ganz konkret. Und das habe ich dann auch bitte durchzuziehen. Schule, Studium oder Ausbildung, und ab ins Berufsleben.

Tja, das funktioniert leider nicht. Ich weiß nicht, was ich im Kindergarten werden wollte. Ich weiß, dass ich irgendwann entschieden habe, Schriftstellerin werden zu wollen ("Schriftsetzerin" nannte ich es da ^^). Die Idee finde ich bis heute auch gut und werde sie auf jeden Fall im Kopf behalten, also einen Dank an die kleine Emma.
In der Schulzeit wollte ich so einiges werden. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an einen konkreten Plan den ich hatte. In der Oberstufe habe ich dann irgendwann entschieden, Lehrerin werden zu wollen. Also habe ich Lehramt studiert. Bis zum Bachelor, dann war Schluss. Denn plötzlich stellte sich mir die Frage, warum ich denn Lehrerin sein wollte und vor mir fuhr ein Film ab, in dem ich Jahr für Jahr immer den gleichen Rotz unterrichten müsste.** 
Also tschüss Lehramt, hallo Welt der unbegrenzten begrenzten Möglichkeiten der Geisteswissenschaft. Ich werde jetzt gar nicht zu tief in die Problematik der Jobfindung eines/einer Geisteswissenschaftlers/*in gehen, das würde hier zu weit führen. Nur eins: ja, es ist nicht einfach. Aber das ist auch immer personengebunden.
Und nun sind wir wieder bei dem "eigentlich müsste ich". Eigentlich müsste ich viel mehr Bewerbungen schreiben. Eigentlich müsste ich tagtäglich sämtliche Internetseiten abklappern, denn eigentlich müsste ich doch so schnell wie möglich was an meiner momentanen Situation ändern. Und da kommen wir zum Sahnehäubchen des "eigentlich müsste ich":

"Eigentlich müsstest DU doch…"

Wunderbar. Es ist ja nicht genug, dass man sich selber tagtäglich mit dem "eigentlich müsste ich" auseinandersetzt, nein, dann kommt manchmal von außerhalb so ein Satz angeflogen. Ich finde diesen Satz furchtbar. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass ich ihn auch schon benutzt habe und das macht es nicht besser. "Eigentlich müsstest Du doch" soll wahrscheinlich als Motivator agieren. Der Gedanke der mir da kommt ist der folgende: Wenn ich nun regelmäßig diesen Satz mir gegenüber äußerte und dazu noch andere ihn mir gegenüber äußerten, dann bin ich plötzlich so motiviert, etwas an meiner misslichen Lage zu ändern, dass ich es auch tatsächlich tue und schaffe.

Zur Zeit ist dies aber nicht der Fall. Und dazu schaut man sich das Symptom des Satzes an: "Eigentlich müsste/st ich/Du" sagt, da läuft was schief, du bist unglücklich.
Das bin ich aber nicht. Ich bin, und das kann ich tatsächlich so sagen: glücklich.
Die Wurzel des Glücklichseins befindet sich bei mir nicht darin, was ich mache, sondern wer oder was und wie ich bin. Und auch wenn die Suche nach dem Ich eine unaufhörliche ist, man nie ganz "fertig" sein wird, so kann ich jetzt für mich nicht sagen, dass ich unglücklich bin.
Ich könnte hier eine ganze Liste runter rattern mit Dingen, die noch nicht so richtig laufen, Dingen, die ich gerne ändern würde, aber die haben nichts mit MIR, mit meinem ICH zu tun. Sie tragen grundsätzlich dazu bei, ja, aber sie beeinflussen weder wie ich bin, noch wer ich bin.

Um das ganze jetzt mal abzuschließen: natürlich werde ich mich weiter mit "eigentlich müsste ich" quälen und natürlich werde ich weiter ab und zu mit dem "eigentlich müsstest du" konfrontiert werden. Das ist nun mal so. Das lässt sich nicht abstellen. Wichtig ist dabei, sich immer wieder zwischendurch zu fragen "wie geht es mir? bin ich glücklich?" - denn dann lässt es sich mit diesen Sätzen sehr viel leichter umgehen. Zu dem "eigentlich läuft alles"-Problem kommen wir dann ein anderes Mal ;)


Emma

** Dies ist keine Abwertung an den Lehrerberuf. Ich habe den höchsten Respekt vor Lehrer*innen und bin froh, dass es in dieser furchtbaren Bildungslandschaft noch Leute wie euch gibt, die ihren Job so gut machen! Ich rede hier nun von mir und meinem Empfinden, was weder mit anderen, noch so recht mit zutreffenden Fakten zu tun hat. Es war ja nur eine Vision!

1 Kommentar:

  1. Süße, ich hatte auch Angst, dass ich Jahr für Jahr das Gleiche unterrichte, 30 Jahre lang den AcI - und ich bin ehrlich überrascht, dass es nicht so abläuft ;) Also solltest Du doch irgendwann mal zum Lehramt zurückkehren, kann ich Dir die Angst nehmen. Nur die Berufschancen sind halt gleich Null ^^

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