Dienstag, 16. August 2016

Was willst du eigentlich? Oder: Noch 4 Wochen in den Zwanzigern

Emma wird in weniger als einem Monat dreißig. Das lassen wir jetzt mal so stehen.

Nein, natürlich nicht, denn darum geht es ja! Kürzlich sagte mal jemand zu mir "Ich habe gehört, ab da wird's scheiße!" – natürlich war das ein Scherz! Trotzdem: was hat es mit der Dreißig auf sich? Was macht die Dreißig, die 30, die XXX, zu solch einem Lebensereignis? Diese Zahl ist für viele wie ein drohender Vulkanausbruch. Auf Geburtstagseinladungen, -karten und -kuchen wird neckisch und halb verzweifelt lachend eine "29 b" gesetzt. Wirst du ab dem Folgetag deines vermeintlichen Untergangs gefragt wie alt du seiest, lügst du entweder oder flüsterst leise dieses unsägliche Wort – "Dreißig" – Am liebsten würdest du sagen "…und quasi scheintot!", denn jetzt ist alles vorbei.

Aber warum hat die Dreißig all' diese hässlichen Konnotationen an ihrer Seite?
Ich habe mich vor einigen Wochen mal über unsere heutige Gesellschaft ausgelassen – das was sie von uns Individuen verlangt und was das eigentlich mit uns macht – und auch heute muss ich wohl oder übel ein paar Worte dazu verlieren. Ich denke, es wird davon ausgegangen, dass du doch bitte mit dreißig ein komplett fertiger Mensch bist (ich meine fertig im Sinne von komplett, vollständig entwickelt) – eben so, wie die Gesellschaft dich haben will. Übrigens sei der vorhergehenden Klammer noch dazugefügt, dass ich mutwillig das Wort "fertig" benutzt habe – denn wir sind fertig. Viele von uns haben bereits in den Zwanzigern ihr erstes Burnout. Und woran liegt das? Tja… Aber weiter im Text. Wir sollen also alle bitte spätestens in den Zwanzigern voll-entwickelt sein. Das heißt, einen Job haben in dem wir viel verdienen, eine Wohnung oder Haus haben, ein Auto haben, Partner und Kinder haben…. Und das wissen wir schon vorher. Wir wissen, dass es von uns erwartet wird. Und deshalb beginnt kurz nach der Schule plötzlich eine Art Wettlauf mit sich selbst. Und er endet nicht damit, dass man durch eine Zielgerade läuft und alle applaudieren. Nein: denn du hast nicht die Zeit die du brauchst, du hast eine vorgegebene Zeit. Und die Zielgerade – die Dreißig – ist ein Gong. Schaffst du es, alles was von dir verlangt wird, auf der Strecke zusammen zu bekommen, kannst du fröhlich auf den Gong zu rennen, ihn schlagen und weiter machen. Merkst du mit 27/28/29, dass dir noch viele Dinge fehlen, kriegst du Panik. Die Dreißig auf der Zielgeraden verwandelt sich in dein zukünftiges Ich, das dich aus der Entfernung anschreit: "Jetzt MACH schon!!! Du bist bald da und hast NICHTS geschafft! Was machen wir denn wenn du hier bist???"
Nein, ich will da nicht hin, denkst du dir. Ich will nicht. Ich lege mich einfach auf den Boden. Und ich werde so lange an diesem Punkt stehen bleiben, bis ich das habe was ich brauche. Dann kann ich auch Dreißig sein. Ich werde 29 b. 29 c…..

Ist das nicht furchtbar?
Aber, was tun?
Emma ist grundsätzlich nicht dieser Meinung. Sie hat auch die Dreißig nie als diese Hürde gesehen. Und damit ist sie natürlich auch nicht allein.

Emma freut sich, dreißig zu werden. Sie mag die Zahl. Sie misst ihr weniger Bedeutung zu, etwa genau so viel, wie sie eben verdient. Emma weiß, dass sie längst nicht alles, was gesellschaftlich von ihr verlangt wird beziehungsweise was gesellschaftlich anerkannt ist, erreicht hat. Vieles davon WILL sie allerdings auch gar nicht erreichen.

Emma möchte sich vor allem Zeit lassen. Zeit dafür, das Leben zu beobachten, zu erleben und zu genießen. Emma möchte sich mit Menschen umgeben, die ihr gut tun und denen sie gut tut. Sie möchte ihren neuen beruflichen Lebensweg mit Freude betreten und nicht mit Angst oder Druck.

Emma möchte lernen, ehrlich zu sagen was sie denkt und fühlt. Zu oft sagt sie es nicht und vielleicht entging ihr auf diese Weise die eine oder andere Chance. Das ist Emmas größte Aufgabe im neuen Lebensjahr: ehrlich mit sich und anderen sein. Das heißt übrigens nicht, dass Emma lügt. Emma hat nur leider manchmal sehr viel Angst, zu sagen was sie denkt und vor allem zu sagen was sie fühlt.

Emma wünscht sich für die Zukunft einen Komplizen, einen Weggefährten, mit dem sie die Welt entdecken, sich selbst entdecken und ausprobieren kann. Sie möchte wissen, was es da eigentlich noch gibt abgesehen von gesellschaftlichen Zwängen und vermeintlichen Vorschriften. Was ist, wenn man ganz frei liebt?

Und Emma möchte vor allen Dingen Emma sein können. Für sich entscheiden können, was sie möchte, was sie gut findet und was sie will. Denn es ist ja ihr Leben.

Deshalb sei gesagt: Emma hat keine Angst vor der Dreißig. Sie freut sich drauf, wie sie sich auf jeden Geburtstag freut.

Das heißt, sie kann es kaum erwarten.


 Pierre Auguste Renoir - Dance in the Country

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