Emma wird in
weniger als einem Monat dreißig. Das lassen wir jetzt mal so stehen.
Nein, natürlich
nicht, denn darum geht es ja! Kürzlich sagte mal jemand zu mir "Ich habe
gehört, ab da wird's scheiße!" – natürlich war das ein Scherz! Trotzdem:
was hat es mit der Dreißig auf sich? Was macht die Dreißig, die 30, die XXX, zu
solch einem Lebensereignis? Diese Zahl ist für viele wie ein drohender
Vulkanausbruch. Auf Geburtstagseinladungen, -karten und -kuchen wird neckisch
und halb verzweifelt lachend eine "29 b" gesetzt. Wirst du ab dem
Folgetag deines vermeintlichen Untergangs gefragt wie alt du seiest, lügst du
entweder oder flüsterst leise dieses unsägliche Wort – "Dreißig" – Am
liebsten würdest du sagen "…und quasi scheintot!", denn jetzt ist
alles vorbei.
Aber warum hat
die Dreißig all' diese hässlichen Konnotationen an ihrer Seite?
Ich habe mich
vor einigen Wochen mal über unsere heutige Gesellschaft ausgelassen – das was
sie von uns Individuen verlangt und was das eigentlich mit uns macht – und auch
heute muss ich wohl oder übel ein paar Worte dazu verlieren. Ich denke, es wird
davon ausgegangen, dass du doch bitte mit dreißig ein komplett fertiger Mensch
bist (ich meine fertig im Sinne von komplett, vollständig entwickelt) – eben
so, wie die Gesellschaft dich haben will. Übrigens sei der vorhergehenden
Klammer noch dazugefügt, dass ich mutwillig das Wort "fertig" benutzt
habe – denn wir sind fertig. Viele von uns haben bereits in den Zwanzigern ihr
erstes Burnout. Und woran liegt das? Tja… Aber weiter im Text. Wir sollen also
alle bitte spätestens in den Zwanzigern voll-entwickelt sein. Das heißt, einen
Job haben in dem wir viel verdienen, eine Wohnung oder Haus haben, ein Auto
haben, Partner und Kinder haben…. Und das wissen wir schon vorher. Wir wissen,
dass es von uns erwartet wird. Und deshalb beginnt kurz nach der Schule
plötzlich eine Art Wettlauf mit sich selbst. Und er endet nicht damit, dass man
durch eine Zielgerade läuft und alle applaudieren. Nein: denn du hast nicht die
Zeit die du brauchst, du hast eine vorgegebene Zeit. Und die Zielgerade – die
Dreißig – ist ein Gong. Schaffst du es, alles was von dir verlangt wird, auf
der Strecke zusammen zu bekommen, kannst du fröhlich auf den Gong zu rennen,
ihn schlagen und weiter machen. Merkst du mit 27/28/29, dass dir noch viele
Dinge fehlen, kriegst du Panik. Die Dreißig auf der Zielgeraden verwandelt sich
in dein zukünftiges Ich, das dich aus der Entfernung anschreit: "Jetzt
MACH schon!!! Du bist bald da und hast NICHTS geschafft! Was machen wir denn
wenn du hier bist???"
Nein, ich will
da nicht hin, denkst du dir. Ich will nicht. Ich lege mich einfach auf den
Boden. Und ich werde so lange an diesem Punkt stehen bleiben, bis ich das habe
was ich brauche. Dann kann ich auch Dreißig sein. Ich werde 29 b. 29 c…..
Ist das nicht
furchtbar?
Aber, was tun?
Emma ist
grundsätzlich nicht dieser Meinung. Sie hat auch die Dreißig nie als diese
Hürde gesehen. Und damit ist sie natürlich auch nicht allein.
Emma freut sich,
dreißig zu werden. Sie mag die Zahl. Sie misst ihr weniger Bedeutung zu, etwa
genau so viel, wie sie eben verdient. Emma weiß, dass sie längst nicht alles,
was gesellschaftlich von ihr verlangt wird beziehungsweise was gesellschaftlich
anerkannt ist, erreicht hat. Vieles davon WILL sie allerdings auch gar nicht
erreichen.
Emma möchte sich
vor allem Zeit lassen. Zeit dafür, das Leben zu beobachten, zu erleben und zu
genießen. Emma möchte sich mit Menschen umgeben, die ihr gut tun und denen sie
gut tut. Sie möchte ihren neuen beruflichen Lebensweg mit Freude betreten und
nicht mit Angst oder Druck.
Emma möchte
lernen, ehrlich zu sagen was sie denkt und fühlt. Zu oft sagt sie es nicht und
vielleicht entging ihr auf diese Weise die eine oder andere Chance. Das ist
Emmas größte Aufgabe im neuen Lebensjahr: ehrlich mit sich und anderen sein.
Das heißt übrigens nicht, dass Emma lügt. Emma hat nur leider manchmal sehr
viel Angst, zu sagen was sie denkt und vor allem zu sagen was sie fühlt.
Emma wünscht
sich für die Zukunft einen Komplizen, einen Weggefährten, mit dem sie die Welt
entdecken, sich selbst entdecken und ausprobieren kann. Sie möchte wissen, was
es da eigentlich noch gibt abgesehen von gesellschaftlichen Zwängen und
vermeintlichen Vorschriften. Was ist, wenn man ganz frei liebt?
Und Emma möchte
vor allen Dingen Emma sein können. Für sich entscheiden können, was sie möchte,
was sie gut findet und was sie will. Denn es ist ja ihr Leben.
Deshalb sei
gesagt: Emma hat keine Angst vor der Dreißig. Sie freut sich drauf, wie sie
sich auf jeden Geburtstag freut.
Das heißt, sie
kann es kaum erwarten.

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